Yoga und Kunst in Hamburg
Lisa Braun

 

01.11.2019

Brahmacarya - meine digitale Enthaltsamkeit

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Patanjali beschreibt in seinen Yoga Sutras die acht Glieder des Yoga, darunter auch die Yamas und Niyamas - gewisse Leitfäden im Umgang mit sich und seiner Umwelt. Dazu gehört auch die Enthaltsamkeit (Brahmacarya). Damit ist nicht etwa der absolute Verzicht auf Sex oder das Zölibat gemeint (obwohl es ein Aspekt ist), sondern, in meinem Verständnis, der Bewusste Umgang mit unserem Konsumverhalten. Das ist der Konsum von Alkohol, Essen, Medien, Drogen, Kleidung, Schlaf, aber auch wie viel (und worüber) wir sprechen und überhaupt womit wir unsere Zeit verbringen.
Aus diesem Grunde verzichte ich regelmäßig bewusst auf Kaffee und Zucker, kaufe secondhand Kleidung und nehme keine tierischen Produkte zu mir.

Meiner Meinung nach sind die Yamas und Niyamas wunderbare ethische Regeln, denen jeder Mensch gut folgen kann und sollte. Jedoch muss das auch alltagstauglich sein. Einschränkungen und Veränderungen können einen großartigen Einfluss auf unsere Lebensqualität haben, aber man sollte sich auch nicht geißeln.
Schon seit längerer Zeit möchte ich eine Art Digital Detox machen. Das hieße für mich eine Woche oder einen Monat lang kein Handy, kein Fernsehen und keinen Computer nutzen. Doch beim Finden von Ausreden wird man ja bekanntlich sehr kreativ. So gab es für mich immer einen Grund schon nach kurzer Zeit wieder aufs Handy zu schauen (es könnte ja jemand in die Arbeits-WhatsApp- Gruppe geschrieben haben) und auf Netflix gibt es immer irgendeine neue Serie die man unbedingt gucken muss. Aus dem Haus zu gehen ohne auf Youtube ein Hörbuch hören zu können hat mich genervt, und so war das Thema Digital Detox meist nach nur wenigen Stunden wieder verdrängt.
Oft ertappte ich mich in der Bahn dabei wie ich sinnlos auf meinem Handy herumscrollte, während draußen herrlicher Sonnenschein war! Dann steckte ich es weg, doch kurz darauf vibrierte es in der Tasche und schon war das Gerät wieder mein ganzer Fokus.

Vor diesem Hintergrund war es ein glücklicher Zufall dass ich vor kurzem einer Freundin mein Handy gab und es in ihrer Tasche vergaß. Sie hatte mich mit dem Auto am Bahnhof Altona abgesetzt und als sie wegfuhr tat ich meinen automatischen Griff in die rechte Jackentasche. Doch die Tasche war leer und auch in meinem Rucksack konnte ich das heilige Gerät nicht finden. Ich musste doch in der App nachschauen welche Bahn ich nach Hause brauchte!
Mein erster Gedanke war „ich ruf sie einfach schnell an“. Ich kam mir albern vor und musste vielleicht auch ein bisschen über mich lachen.
Ich lief noch eine Weile herum, in der Hoffnung, dass meiner Freundin eventuell auch eingefallen war dass sie noch mein Handy hatte, und fühlte mich im ersten Moment erschreckend nackt.

Doch mit einer inneren Gelassenheit die ich gar nicht von mir kannte, beobachtete ich schon bald wie der Ärger über meine eigene Vergesslichkeit kam und wieder ging, wie die Realisation, dass ich nun ohne Musik eine Stunde Bahn fahren musste, mich unruhig machte und wie ich mich insgeheim auch ein bisschen über die ganze Situation freute – denn nun gab es keine Ausreden mehr!

Vor ein paar Jahren wäre ich in dieser Situation noch an meinem Jähzorn erstickt. Doch erstaunlicherweise dauerte es nur ein paar Minuten bis mir das ganze fast wie ein Abenteuer vorkam. Das klingt lächerlich, aber so war es. Und das erschreckt mich im Nachhinein auch ein wenig. Bis vor ein paar Jahren besaß niemand überhaupt ein Smartphone und vermisste auch nichts.

Wie dem auch sei, blieb mir nichts anderes übrig als zur Bahn zu gehen und das erste mal seit Jahren nach Hause zu fahren, ohne im Voraus per App die schnellste und stressfreieste Route herausgesucht zu haben. Immer wieder erwischte ich mich während der Bahnfahrt dabei wie ich in meine rechte Jackentasche griff und mich wunderte dass sie leer war.
Meine Nervosität dabei, einfach eine Stunde lang gar nichts zu machen als zu sitzen, amüsierte mich insgeheim. Und nach einer Weile fühlte ich mich irgendwie freier und leichter. Denn ich wusste nicht wie spät es war, ob mir jemand geschrieben hatte, und wann mein nächster Bus fuhr – und es war auch überhaupt nicht wichtig!

Zu Hause wäre ich normalerweise direkt auf die Couch gefallen und hätte eine Weile in sozialen Medien herumgescrollt. Dabei wird mir in der Regel schnell langweilig, aber ich öffne dann ohne es zu wollen einfach eine andere App bis diese auch langweilig wird und so weiter. Dieses Phänomen kennen glaube ich Viele. Aber wirklich Spaß dabei hat bestimmt niemand. Es ist einfach nur Warten bis etwas anderes passiert. Es ist vergeudete Lebenszeit.

An diesem Abend füllte ich stattdessen meine Zeit mit Dingen die mir wohltaten (und auch welche die getan werden mussten, zum Beispiel die Wäsche abhängen :-) ).
Dann merkte ich aber auch schnell wie wirklich abhängig ich tatsächlich von der Technologie war – denn ich hatte alle Telefonnummern von Bekannten, Arbeitskollegen und Familie nur im Handy gespeichert und musste eigentlich noch ein paar Leute kontaktieren. Außerdem hatte ich nun keinen Wecker mehr und konnte auch nicht mal-eben-schnell einen Screenshot von meinem Busfahrplan für den nächsten Morgen machen. Ich tat was ich zuletzt vor fast 10 Jahren tun musste – ich schrieb mir auf einen kleinen Zettel die Route und malte einen skizzenhaften Straßenplan damit ich zu der Adresse fand zu der ich fahren musste.
Ich verpasste meinen Bus am nächsten morgen – weil die Küchenuhr nicht ganz genau ging. Doch meine Skizze führte mich zum Ziel, und zwar zur Shala wo meine Freundin mit meinem Handy auf mich wartete :-)
Ich hatte also ca. 18 Stunden eine Art Digital Detox gemacht, aber auch nicht so ganz, denn meinen Laptop brauchte ich ja zum Strecken heraussuchen und Emails schreiben.
Trotzdem habe ich etwas aus der Erfahrung gelernt und bin dankbar dafür. Denn nun schalte ich mein Handy aus wenn ich es nicht gerade brauche und lese statt Instagram-Einträgen morgens ein Buch - so wie ich es bis vor einigen Jahren mein Leben lang getan habe.
Wenn ich mich dabei ertappe, wie ich instinktiv mein Handy schnappe wenn ich gerade nichts zu tun habe (auf der Toilette, beim Warten auf den Bus, abends im Bett, in Arbeitspausen, beim Bahnfahren, wenn der Kaffee zieht, während der PC hochfährt, … ) dann lege ich es bewusst wieder weg. Denn die Technologie ist zwar extrem nützlich und hilfreich, aber eben nur in gewissem Maße. Natürlich ist diese Erkenntnis eigentlich gar keine Erkenntnis, denn das war schon immer klar. Aber sich bewusst zu machen wie viel unserer Lebenszeit wir mit welchen Aktivitäten verbringen kann sehr aufschlussreich sein. Zumindest geht mir das so.

Und damit wären wir wieder bei Brahmacarya. Der Enthaltsamkeit und dem bewussten Konsum in Bezug auf eigentlich alles. Diese Geschichte soll keine #HateSpeech gegen Instagram und co. sein. Es gibt mit Abstand größere Sorgen in der Welt. Mein Problem mit dem Handy steht beispielhaft für unsere mangelnde Selbstkontrolle und Zügelung. Was für mich das Handy ist, mag für dich Fastfood, eine toxische Beziehung, Pornografie, zu viel oder zu wenig Schlaf, oder auch Arbeit sein.
Und kein Mensch ist perfekt. Aber sich ab und an vor Augen zu führen womit wir eigentlich unsere Zeit verbringen, ist eine extrem sinnvolle Maßnahme.

Ich für meinen Teil lasse das Handy nun öfter zu Hause, schalte es aus und fülle die gewonnene Zeit mit sinnvollen Aktivitäten. Zum Beispiel Die Yoga Sutras lesen.

Admin - 20:06 | Kommentar hinzufügen

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